FUNdstücke
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| Schiedsrichter sind parteiisch, ungerecht und einseitig. Oder umgekehrt! |
| Eine satirische Annäherung an unser Hobby. Von Andreas Beune und Philipp Köster. |
| Der erste Mensch, der uns ganz in Schwarz begegnete, war unser Pfarrer. Wir saßen ihm gegenüber, im Beichtstuhl und hinter einem vergitterten kleinen Fenster, und lernten, dass man nicht lügt, wenn der schwarze Mann etwas fragt: „Warum bist Du so selten im Gottesdienst“, fragte der Pfarrer mit strenger Stimme und wir ertappten Sünder logen in unserer Not: „Wir sind immer da, aber wir sitzen sehr weit hinten.“ Da schwieg der Geistliche für eine halbe Minute, und als wir schon anfingen, ungeduldig auf der Bank herumzurutschen, sagte er: „Am nächsten Sonntag gehst Du aber wieder in den Gottesdienst!“ Wir nickten und machten uns vom Acker. |
| Der nächste Mann, der uns ganz in Schwarz begegnete, war dann schon ein Schiedsrichter, aber keiner von denen, die man aus dem Fernsehen kennt, stets souverän und gelassen, mit Bürstenhaarschnitt und sportlicher Figur. Unser Schiedsrichter pfiff alle Spiele der Schulmeisterschaft in der Stadt. Er war mindestens schon siebzig Jahre alt, hatte also die Ardennenoffensive mitgemacht und vielleicht auch deshalb nur noch einen Arm. Das war deshalb erwähnenswert, weil er dennoch immer mit seinem Mofa zu den Spielen anreiste und vor dem Anpfiff stets knatternd und wackelnd den Platz umkurvte, um die Abkreidung zu überprüfen. Leider war der unparteiische Senior ansonsten nicht so gewissenhaft, die Regelreformen der letzten fünfzig Jahre ignorierte er geflissentlich. Unsere Mittelfeldspieler wurden für neunzig Minuten zu Mittelläufern und Halbstürmern und ausgewechselt werden durfte auch nicht. |
| Wir wunderten uns und lachten ihn aus. Dabei sollten wir kurze Zeit später, im Fußballverein, noch viel absonderlichere Herren kennenlernen. Pedantische Oberlehrer, die mit Akribie jedes Trikotzerren durch Herbeirufen des Übeltäters und wörtlichem Zitat der einschlägigen Regel ahndeten. Ehrgeizige Jungspunde, die spätestens in drei Jahren in der Bundesliga pfeifen wollten und die noch heute für die Kreisliga eingeteilt werden. Betrunkene Fernfahrer, die schon mal ein E-Jugend-Spiel zwanzig Minuten früher abpfiffen, weil die Ehefrau mit laufendem Motor, gepacktem Picknickkorb und vorwurfsvoller Miene an der Stadioneinfahrt wartete. Und hin und wieder kamen auch welche, die vor dem Spiel dezent in unsere Kabine gebeten wurden und neben einem aufmunternden Schulterklopfen mal einhundert, mal zweihundert Mark zugesteckt bekamen. „Fahrtkostenerstattung“ nannten das alle, grinsten ganovenhaft und schufen so die Basis für eine äußerst wohlgesonnene Regelauslegung. Ein trockenes „Kein Foul, spiel läuft weiter“, als unser Libero einem Gegenspieler beinahe ohne Narkose den Fuß abnahm. Kein Pfiff, als unser Vorstopper einen Torschuss von der Linie faustete („Angeschossen“) und schließlich die Ausdehnung der regulären Spielzeit weit über hundert Minuten, bis die Schlussoffensive der Heimmannschaft den gewünschten Erfolg gezeigt hatte. |
| Natürlich gab es stets die Ausnahmen. Wolf-Dieter Ahlenfelder beispielsweise, den rotgesichtigen und wohlgenährten Referee, der weniger auf Ballhöhe als auf die Füllhöhe seines Pilsglases achtete und der das Regelbuch stets nur als Empfehlung sah, nicht als die zehn von Gott in Stein gemeißelten Gebote. Auch Walter Eschweiler fanden wir höchst amüsant. Der fuhr für Deutschland zur WM nach Spanien und ließ sich prompt von einem Peruaner umrennen. Zwei Zähne verlor er bei seiner Rückwärtsrolle und Eschweilers verdutztes Gesicht war zum Jahresende in allen Rückblicken zu sehen. |
| Ansonsten aber achteten wir in diesen Jahren wenig auf die Männer ganz in schwarz. Sie sahen merkwürdig aus und hießen Dr. Stäglich. Allenfalls waren sie Teil größer angelegter Verschwörungstheorien. Sowas hat schließlich Tradition in Deutschland, man muss nur Karl-Heinz Huba’s Fußball-Weltgeschichte lesen und man begreift alles. Denn Schiedsrichter haben in der Vergangenheit stets gegen Deutschland gepfiffen, wenn es darauf ankam. Im Halbfinale 1958 beispielsweise, als Schiedsrichter Zsolt aus Ungarn (!) tatenlos zusah, als brutale Schweden unsere wackeren deutschen Recken böse foulten. Und der den braven Juskowiak vom Platz schickte, bloß weil der gegen den schwedischen Stürmer Hamrin ein bisschen nachgetreten hatte. Und schlimmer trieb es noch der Schweizer Gottfried Dienst, der vermeintlich Unparteiische im Endspiel 1966 gegen England. Mutig hätte er auf „Weiterspielen“ entscheiden müssen, weil der Ball doch klar vor oder auf, aber keinesfalls hinter der Linie war, nachdem Geoff Hurst ihn gegen die Latte geschossen hatte. Doch der Schweizer gab die Verantwortung lieber an den russischen Linienrichter (!) Tofik Bachramov weiter und der hatte den Ball natürlich im Netz zappeln sehen, unhaltbar für Tilkowski. Ein Narr, wer da noch an Zufall glaubte. |
| Und so pflegten wir auch im Privaten unsere kleinen, aber feinen Verschwörungstheorien. Denn inzwischen gingen wir längst jedes Wochenende ins Stadion und sahen mit eigenen Augen, wie glasklare Fouls nicht geahndet wurden und gegnerische Stürmer den Ball ins Tor boxen konnten. Wir wurden jedes Wochenende verpfiffen. Und wenn wir doch gewannen, dann sicher nicht wegen, sondern trotz des Schiedsrichters. Klarer Fall. Merkwürdigerweise dachten die Fans des Gegners genauso, aber das irritierte uns damals noch nicht. |
| Ganz im Gegenteil: In unseren Theorien war sogar Platz für eine Zentrale, die den Betrug koordinierte. Sie saß natürlich in Frankfurt und wir stellten uns das so vor: Ein großer Raum mit einer blinkenden Deutschland-Karte an der Wand. Und überall, wo es gerade leuchtet, wird gerade ein Spiel verpfiffen. Auf dem Boden und an den Wänden liegen große Säcke mit Geld und ein Fanartikel-Katalog des FC Bayern. In der Mitte steht ein großer Schreibtisch, an dem ein größenwahnsinniger Weltenherrscher sitzt und die ganze Zeit überschnappend lacht. Vor ihm ein Namensschild: Otto Fleck. Wir waren halt noch jung. |
| Doch dann kam das Privatfernsehen mit der Superzeitlupe und zerstörte alles, an das wir mal geglaubt hatten. Als es noch alleine die Sportschau gab und ihre schlecht aufgelösten Kameras, da bewies das Fernsehen alles und nichts. Dann kam RTL plus und stellte an jede Eckfahne drei Kameras. Die filmten jede Grätsche, jeden Kopfball, jeden Disput an der Seitenlinie. Das machte es für uns nicht einfacher, denn regelmäßig, wenn wir nun nach Hause kamen und wutschnaubend verkündeten, wir seien verpfiffen worden und die rote Karte sei keine gewesen, saß der Vater bereits vor dem Bildschirm und verkündete, alle Entscheidungen seien völlig korrekt gewesen. Und dann schauten wir selber hin und sahen widerwillig mit an, wie unser Stürmer dem Gegner mit Anlauf in die Hacken trat. „Kann man geben, die rote Karte“, sagte der Vater. „Muss man aber nicht“, sagten wir trotzig. |
| Fortan teilte sich unsere Welt. In die Stadionwelt und in die Wohnzimmerwelt. In der Stadionwelt vertraten wir weiterhin und mit donnernder Stimme die Ansicht, dass es die Schiedsrichter nur gibt um uns um den Lohn sportlicher Anstrengung zu bringen. Alle um uns herum glaubten das auch und gemeinsam brüllten wir unseren Zorn vom Block herunter auf das Spielfeld. Denn wer nicht mitzeterte, wer nicht ständig Handspiel reklamierte, Freistöße in Tornähe forderte und Elfmeter einklagte, machte sich gleich verdächtig. Der galt bei seinen Stadionnachbarn alsbald als „vielseitiger sportinteressierter“ Mensch, der zum Spiel geht, um eine „attraktive und faire Partie“ zu verfolgen. Solche Menschen sehen auch das Aktuelle Sportstudio und halten das DFB-Schiedsgericht für ein unabhängiges Organ der deutschen Rechtspflege. Wir hingegen waren gänzlich unverdächtig, denn wir forderten Elfmeter auch dann, wenn unser Stürmer mal wieder über seine offenen Schnürbänder gestolpert war, drei Meter vor der Strafraumlinie. Und wir wälzten vor entscheidenden Spielen gerne mal den Diercke-Atlas, ob der Herkunftsort des angesetzten Schiedsrichters nicht verdächtig nah am Stadion des Gegners liegt. Vielleicht war Sinzig ja eine Ostseeinsel bei Rostock oder Konz ein Münchner Vorort. Wir würden ihnen schon noch drauf kommen. |
| In der Wohnzimmerwelt hingegen gewöhnten wir uns an die unparteiischen Herren, die nun oben herum nicht mehr schwarz trugen, sondern dunkelgrün oder kanariengelb. Wir sahen den glatzköpfigen Schiedsrichter Collina aus Italien, der die Spieler schon bei kleineren Vergehen anstierte, als ginge es gleich vors Standgericht. Wir mochten Hellmut Krug, den bedächtigen Schiedsrichter mit dem offenen Ohr für Spielernöte, der in offiziellen DFB-Katalogen des öfteren unter „Manfred Krug“ firmierte. Und ein bisschen widerwillig notierten wir auch, dass der Lauterer Zahnarzt Markus Merk bei der Europameisterschaft 2000 eine weitaus passablere Figur gemacht hatte als die Ribbeck’schen Stolpervögel. Nach dem Eröffnungsspiel empfingen die Kollegen Merk im Hotel mit stehendem Applaus. Sowas ist sicher schön und freut einen echten Sportsmann. Später lasen wir in einem Interview, das Markus Merk sich als Teil des Spiels empfindet. Die Schiedsrichterei als Spezialdisziplin. |
| Und doch bleibt uns die Schiedsrichterei auf Dauer ein veritables Rätsel. Weil sie nach jedem Spiel von nassforschen Fernsehreportern eine Abseitsentscheidung gezeigt bekommen, die keine war. Weil sie nach manchen Spielen auf geheimen Gängen aus dem Stadion geleitet werden. Weil sie am nächsten Tag auf der Titelseite der Bild-Zeitung stehen, mit Tomaten auf den Augen. Und weil sie jedes Wochenende beschimpft und angemeckert werden. Von uns. |
| Quelle: Beune, Andreas, Köster, Philipp; Kann man geben… muss man aber nicht! aus: “11 Freunde”, Fußballheft. |
